Multiplikatorenfahrt St. Petersburg

Vom 19. bis 23. September 2016 haben sich Lehrerinnen, Studierende sowie Schülerinnen und Schüler auf den Weg nach St. Petersburg gemacht. Ihr Ziel war es, sich mit der russischen Perspektive auf den Zweiten Weltkrieg zu beschäftigen und insbesondere mit den Folgen der Leningrader Blockade auseinanderzusetzen. Sie besuchten das Blockade Museum und tauschten sich mit russischen Lehrkräften aus, sie trafen sich mit Zeitzeuginnen und Zeitzeugen sowie Experten und begaben sich auf die Suche nach Spuren der Blockade rund um St. Petersburg.

Der Multiplikatorenaustausch wurde ermöglicht durch die Stiftung "Erinnerung, Verantwortung und Zukunft" sowie die Senatskanzlei der Hansestadt Hamburg.

Ankunft

Am frühen Nachmittag landet die Gruppe von 11 Teilnehmerinnen und Teilnehmern in St. Petersburg. Das Wetter ist - für hiesige Verhältnisse - herbstlich mild und mit dem Taxi geht es schnell in Richtung Innenstadt. Das Hotel liegt zentral in einer Seitenstraße des Newski-Prospekts.

Rasch sind die Zimmer bezogen und schon steht der erste Programmpunkt an: ein Besuch im Deutsch-Russischen Begegnungszentrum, der Partnerorganisation für diesen Austausch. Die Stiftungsleiterin Arina Nemkowa begrüßt die deutschen Gäste und berichtet von ihrer Arbeit. Dabei macht sie deutlich, dass ihre Tätigkeit durch die derzeitigen Schwierigkeiten im deutsch-russischen Verhältnis stark beeinträchtigt wird: Das Deutsch-Russische Begegnungszentrum steht unter strenger Beobachtung der russischen Behörden und Projekte werden oftmals nicht mehr bewilligt. Nichtsdesototrotz blickt Arina Nemkowa optimistisch in die Zukunft und freut sich über die vielen Besucher, die jedes Jahr ihr Haus besuchen, an den Veranstaltungen teilnehmen oder die Dauerausstellung über das deutsche Leben in St. Petersburg besuchen.

Nach einem herzhaften russischen Abendessen mit Borschtsch, Pelmeni und Co. lassen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer den Tag mit einem Besuch der Isaakskathedrale ausklingen: Sie genießen den Blick auf das nächtlich erleuchtete St. Petersburg.



Tag 2: Auf den Spuren der Blockade

Am zweiten Tag der Reise geht es erst einmal raus aus St. Petersburg: Mit einem Kleinbus begeben sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer auf die Spuren der Leningrader Blockade. Vom 8. September 1941 bis zum 27. Januar 1944 war die Stadt von der deutschen Wehrmacht und finnischen Truppen belagert worden. Mehr als eine Million Menschen verlor dabei ihr Leben, die meisten von ihnen verhungerten. Gemeinsam mit dem Historiker Witalij Stenzow besichtigt die Gruppe Mahnmale, Gedenksteine und Soldatenfriedhöfe. Im Museum zur Durchbrechnung der Leningrader Blockade zeigt eine Diorama plastisch die Einzelheiten der winterlichen Schlachten, die schließlich zur Befreiung der Stadt führen. Den Abschluss des Ausflugs bildet der Besuch der deutschen Kriegsgräberstätte Sologubowka, die 1996 vom Volksbund Deutsche Kriegerfürsorge für die in Russland gefallenen deutschen Soldaten angelegt worden ist.

Nach einem späten Mittagessen steht noch eine Stadtführung auf dem Programm. In der einbrechenden Dämmerung zeigt die Reiseführerin Anna Mamontowa die schönen Seiten ihrer Stadt: Vorbei am Winterpalast geht es über die Brücken zur Peter-und-Paul-Festung. Beim Münzwurf auf den bronzenen Hase - Symbol der Haseninsel -  versuchen einige Mitglieder der Gruppe noch einmal ihr Glück, bevor der Abend beim gemeinsamen Bier in der Kneipe endet.

 


Tag 3: Erinnerungen an die Blockade

 

Tag 3 steht im Zeichen der Erinnerung an die Leningrader Blockade. Am Vormittag besucht die Gruppe die Schule 481, Partnerschule des Hamburger Charlotte-Paulsen-Gymnasiums. Die Schulleiterin begrüßt die deutschen Besucher herzlich und berichtet von ihrer Schule, deren Schwerpunkt auf der deutschen Sprache liegt. Im Anschluss werden den Teilnehmerinnen und Teilnehmern Ausschnitte aus einer Veranstaltung zum Gedenken an die Leningrader Blockade vorgeführt, die in der Schule zuvor aufgeführt worden war. Die Lehrerinnen tauschen sich danach intensiv mit ihren russischen Kolleginnen über die Form des Gedenkens, den Sinn der Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg und die didaktischen Möglichkeiten der Vermittlung aus.

Nach einem gemeinsamen Mittagesssen in der Schulmensa fährt die Gruppe weiter zum Blockade Museum, wo an die verschiedenen Phasen der Leningrader Belagerung und ihre Folgen für die Menschen in St. Petersburg erinnert wird. Danach geht es weiter im Deutsch-Russischen Begegnungszentrum: Hier findet eine Gesprächsrunde mit Zeitzeugen und Experten statt: Igor Smirnow-Ochtin hat die Leningrader Blockade als Kind überlebt und diese Erfahrungen literarisch verarbeitet. Er liest Ausschnitte aus seinen Erinnerungen vor und beantwortet die Fragen der deutschen Gäste. Danach berichtet Jurij Lebedev von der Zeit der sogenannten Aussöhung, in der er für den Volksbund tätig war und an der Gründung der Kriegsgräberstätte Sologubowka mitgewirkt hat. Zum Abschluss berichtet Dmitrij Luchkin davon, wie er als Lehrer die Zeit des Zweiten Weltkrieges in der Schule vermittelt.

Ein langer Tag geht mit dem Besuch in einer Kneipe zu Ende: Bei Wodka und vegetarischem Essen tauschen sich die Teilnehmenden mit den Mitgliedern des Alumniclubs ehemaliger Hamburger Praktikantinnen und Praktikanten aus.

 


Tag 4: Eremitage und Zeitzeugengespräche

Der vierte Tag beginnt mit einem touristischen Programmpunkt: Anna Mamontowa besichtigt mit der Gruppe die Eremitage. Drei Stunden führt sie durch die Räume, erläutert die Geschichte von Gebäuden und Gemälden, weist auf Kunstwerke und Kuriositäten hin und vermittelt einen Eindruck von der Pracht und dem Reichtum der ehemaligen Zarenhauptstadt.

Am Nachmittag findet ein weiteres Zeitzeugengespräch: Zehn Überlebende der Leningrader Blockade sind in die Finnische Kirche gekommen und berichten in kleinen Gruppen den deutschen Besuchern aus Hamburg, was sie während der Blockade erlebt haben und wie sie diese Erfahrungen verarbeitet haben. Berührende Gespräche und eindrucksvolle Gesten prägen die Begegnungen, die viel zu schnell zu Ende gehen. Denn nach einer kurzen Feedbackrunde wartet ein leckeres geogisches Essen, bei dem der Historiker Boris Romanov noch einmal zum Abschluss die russische Erinnerungskultur in einen europäischen Kontext einordnet und einen kritischen Blick auf den die Vermittlungspraxis in der Schule wirft. Bei einer abendlichen Dampferfahrt endet das offizielle Programm in St. Petersburg.


Abreise

Bei Regen verabschiedet sich die Gruppe am 23. September aus St. Petersburg. Zurück bleibt die Erinnerung an eine beeindruckende und prachtvolle Stadt, die von der Geschichte der Zarenzeit ebenso wie von den Schrecken der Leningrader Blockade gezeichnet ist.