Die Erinnerung wachhalten? Ja, aber wie?

Wie sich die Partnerstädte Hamburg und St. Petersburg ganz unterschiedlich an die Schrecken des zweiten Weltkrieges erinnern

Bei unserem Besuch in St. Petersburg, in den Schulen 45 und 481 und in den Gesprächen mit Zeitzeugen der Blockade ist uns bewusst geworden, wie unterschiedlich sich die Bürger von St. Petersburg und von Hamburg an die grausamen Ereignisse, die beide Städte erlebt haben, erinnern.

 

Die 900tägige Blockade hat sich ebenso in das kollektive Bewusstsein der St. Petersburger festgesetzt wie die Kapitulation der deutschen Wehrmacht. Nicht nur der 9. Mai ist in ganz Russland ein nationaler Feiertag, auch das Ende der Blockade am 27. Januar wird in St. Petersburg in jedem Jahr gefeiert. Dies geschieht mit der Ehrung von Überlebenden, sog. Veteranen und dem Zuschaustellen des Militärs. Die Veteranen werden wie Helden gefeiert.  Nationalstolz und Stolz auf das Militär gehören in Russland zusammen. Die hervorragende Rolle des Militärs scheint in den letzten Jahren gewachsen zu sein. Am  Männertag  ziehen viele Männer ihre Uniformen an und zeigen sich im Stadtteil.

 

Das Militär wird schon von den Grundschülern als sehr wichtig für den Sieg über die Nazis und für die Stabilität von Russland gesehen. Es gibt das verpflichtende Unterrichtsfach „Vaterländische Erziehung“, wo die Schüler altersgemäß intensiv mit der Geschichte Russlands und der Sowjetunion konfrontiert werden. Jeder Schüler hat im Laufe seiner Schulzeit den Blockadefriedhof Piskarjowskoje besucht. Unsere Partnerschüler aus St. Petersburg haben uns berichtet, dass ihre Eltern und Großeltern mit ihren Erzählungen die Erinnerung an die Blockade wachhalten. Das Versprechen der Überlebenden am Ende der Blockade, die Erlebnisse weiter zu erzählen, scheint in vielen Familien noch gelebt zu werden.

 

Und in Hamburg? Weder das Ende des Krieges noch die Tage der verheerenden Bombardierungen Hamburgs (Operation Gomorrha) sind als Gedenk- oder Mahntage im Jahresablauf der Hamburger vorhanden. Hamburger Schüler, ebenso wie alle Schüler in Deutschland, nehmen das Thema „NS- Diktatur und Zweiter Weltkrieg“  im Geschichtsunterricht durch, manche sprechen in ihren Familien über die Zeit, aber lange Zeit wurde dieser Teil deutscher Vergangenheit auch totgeschwiegen. In Hamburg besuchen viele Schulklassen die Gedenkstätte des KZ Neuengamme, manche die Schule am Bullenhuser Damm. Auf Gedenkveranstaltungen am 8. Mai oder zum Volkstrauertag treffen sich wenige ältere Menschen, einige  Politiker, aber kaum Jugendliche. Zum Glück gibt es seit 20 Jahren den Bertini-Preis, der jährlich am 28.Januar an Jugendliche aus Hamburg verliehen wird.  Am 28. Januar 1945 wurden die Überlebenden des KZ-Ausschwitz durch die Rote Armee befreit.

 

Der Grund dafür, dass wir bis heute keinen arbeitsfreien nationalen Gedenktag in Bezug auf den zweiten Weltkrieg haben, liegt in unserer Geschichte begründet. Für die meisten Deutschen war der 8. Mai 1945 damals kein Tag der Befreiung sondern der Niederlage, ein Tag der Schande für Deutschland. An diese Schande wollten sich die Erwachsenen 40 Jahre lang nicht erinnern. Verdrängen statt Erinnern war die Devise.

 

In unserer Erinnerung hat das deutsche Militär innerhalb von 40 Jahren zweimal Krieg und Zerstörung in Europa verursacht. Das Militär spielt deshalb heute in der Öffentlichkeit in  Deutschland schon länger keine Rolle mehr. Wir fanden es deshalb auch komisch, dass das Militär in St. Petersburg von Kindern, Jugendlichen und Älteren gleichermaßen  so positiv bewertet wird.

 

Wir finden das Erinnern sehr wichtig. Alle Deutschen müssen wissen, zu welchen Unmenschlichkeiten unsere Vorfahren, angestachelt von den Nazis, im Stande waren. Ein gemeinsamer Feiertag in allen Bundesländern zu diesem Thema wäre gut gewesen. Aber die Politiker haben sich lieber für den Reformationstag entschieden. Nationalfeiertage mit Waffenshows und Aufmärschen finden wir nicht sinnvoll, für kein Land. Die Stärke eines Landes ist nichts wert, wenn sie nur auf Waffenstärke beruht. Das hat die deutsche Geschichte gezeigt.

 

Hannes Brammer, Hannes Jungclaus, Lucy Keil, Marla Miller, Alyssa Röhrl, Jovan Thiedig (StS Bergedorf)

 

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