Begegnung mit Zeitzeug*innen

In St. Petersburg trafen wir Überlebende der Leningrader Blockade. Ihre beeindruckenden und traurigen Geschichten erzählten sie uns bei Tee und Gebäck

Kindheiten - zwischen Schutt und Asche

Eine Teestunde. Auf fünf Tischen stehen neun feine Teetassen auf einer Spitzentischdecke. Menschen gehen umher und schenken heißes Wasser ein. Die Farbe von Bernstein verläuft sich in der Flüssigkeit. Der Geruch von frischem Gebäck hängt in der Luft. Es könnte so schön sein - wäre der Anlass für dieses Gespräch nicht so bedrückend.

Wir sitzen hier, um die Schrecken der Blockade von Leningrad aus erster Hand zu verstehen. Für uns mag es Geschichte sein, doch war es die Kindheit der Zeitzeugen am Tisch.

 

Von vier dieser traurigen Schicksale werden wir berichten.

 

 

 

Von 1941 bis 1944 isolierte die deutsche Armee Leningrad, das heutige St. Petersburg von der Außenwelt. Ihr Ziel war es, die Bevölkerung durch Hunger zu dezimieren und die Stadt schließlich auszulöschen. Sie zerstörten die wichtigsten Nahrungsmittellager und -fabriken.

 

 

 

1941 waren die Damen, die wir interviewen 2-13 Jahre alt. Ihre dicken Winterpullover werden von goldglänzenden Orden geschmückt. Sie wurden als die Überlebenden der Blockade damit ausgezeichnet.

 

 

 

Nur 125 Gramm Brot (entspricht einer halben Scheibe) erhielt jeder Bürger. Diese musste für den gesamten Tag reichen. Der Teig bestand in der schlimmesten Phase bis zu 2/3 aus Streckungsmitteln wie Wasser, Kleister oder Staub.

 

Der Hunger war unerträglich. Das sagen uns alle vier.

 

Mit 13 arbeitete Serafima in einer Fabrik um die doppelte Menge an Brot zu erhalten. Auch Nadeschkas Mutter versuchte dadurch dem unendlichen Hunger ein Stück weiter zu entgehen. Die Mutter einer weiteren Zeugin spendete Blut an die Front. Doch selbst eine erhöhte Tagesration reichte nie aus. Das Brot wurde klein geschnitten, damit es über den Tag verteilt gegessen wurde, wurde besonders lange gekaut, sollte mehr sein, als es war.

 

Im Sommer aßen sie die Triebe von Ahornblättern oder grünes Gras, das beste war auf den Friedhöfen. Im Winter musste die Tapete oder der Wandkleister genügen. Gürtel, Felle, Fett, alles Tierische wurde gekocht. Haustiere hatten kaum eine Überlebenschance.

 

Als eine Zuckerfabrik zerstört wurde, floss der flüssige Zucker in die Erde. Diese „süße Erde“ wurde in Stücken verteilt, mit heißem Wasser aufgekocht und getrunken. Etwas ähnliches geschah mit der Erde einer Fettfabrik.

 

Bloß Sinaydas Familie hatte Glück. Die Mutter hatte den Bürgerkrieg miterlebt, sodass sie vor Blockadenbeginn Vorräte einkaufte. Dadurch überlebte ihre siebenköpfige Familie, sogar die Haustiere.

 

 

 

Meistens jedoch überlebten nicht alle, nicht einmal die Hälfte einer Familie.

 

Serafima brachte ihren Bruder und sich selbst durch die Blockadezeit. Nur durch ihn, so sagt sie heute, hat sie den Krieg überstanden.

 

Eine andere Zeugin besaß nur noch ihre Tante und ihre Mutter. Die Tante war an der Front, kam selten zu ihnen. Wenn sie da war, gab sie ihnen Überlebenstipps. Die Mutter arbeitete viel in einer Fabrik. Alle anderen starben vor oder während der Blockadezeit.

 

Nadeschkas Vater fiel 1941 an der Front. Von ihm existiert kein Grab. Ihr Stiefvater zog ebenfalls in den Krieg, doch überlebte. Ihre gesamte Familie lebte gemeinsam in einem Haus. Ihre Mutter arbeitete in der Rüstungsfabrik.

 

 

 

Vor der Blockade war Leningrad eine Bildungsmetropole. Große wissenschaftliche Errungenschaften wurden an Leningrader Instituten erzielt. Vielleicht war den Menschen gerade deshalb so wichtig, dass die Kinder auch während der Blockadezeit einen Zugang zu Erziehung und Bildung erhielten.

 

38 Schulen waren während dieser Zeit in Betrieb. Auch viele Kindergärten boten ihre Betreuungsangebote an.

 

Doch aus Angst besuchten viele die Schule nicht. Serafima erzählt uns, dass ein Mädchen während der Schulzeit auf einem Tisch lag. Alle dachten, sie würde schlafen. In Wahrheit war sie Tod. Starb an Schwäche und Hunger. Seitdem besuchte sie die Schule nicht mehr. Nach dem Krieg holte sie ihren Abschluss an einer Schule eigens für die Blockadenkinder nach.

 

Sinayda hingegen wurde zu der besten Schülerin ihrer Schule. Als Geschenk für ihre guten Leistungen erhielt sie Stifte. Das, so sagt sie heute, hat ihr die Kraft gegeben, weiterhin und trotz aller Umstände für die Schule zu lernen.

 

Nadeschka ging tagsüber in den Kindergarten. Sie sangen viel und einmal kam sogar der Zirkus zu ihnen.

 

 

 

Auch die Freizeit drehte sich um das Überleben. Soldaten schenkten Serafima Kohlsamen, die sie in ihrem Garten anpflanzte. Sie pflegte den Kohl, wässerte ihn und er wuchs. Dieser Kohl war ihre Hoffnung. Vielleicht würden sie und ihr Bruder nicht verhungern. Bei einem Angriff flog eine Bombe in ihren Garten. Die Pflanzen wurden zerstört.

 

In ihren Augenwinkeln bilden sich Tränen, während sie uns das erzählt. Wir geben ihr ein Taschentuch.

 

 

 

In Nadeschkas Kindergarten existierte ein freies Feld. Immer wieder träumte sie davon, auf dieser Fläche Blumen und Obstbäume, Pflanzen, Grün, Leben zu sehen. Vielleicht hätten sie dadurch eine neue Welt erschaffen können. Eine Welt, die für jeden genug Essen bereithielt.

 

Nachdem wir sie interviewt haben, schenken wir ihr Blumenzwiebeln. Ein seliges Lächeln bildet sich auf ihrem Gesicht.

 

 

 

Alle vier wünschen uns das Gleiche: Frieden. Frieden für diese Welt. Frieden, Zeit unseres Lebens. Ewigen Frieden.

 

Serafima sagt, dass der Krieg in den Kinos bleiben soll. Niemals sollen wir so etwas erleben müssen.

 

Jeden Tag aufs neue, sagt uns eine weitere Zeugin, erfreut sie der Frieden.

 

Das Wichtigste ist der Frieden, meint Nadeschka und was gerade in der Politik passiert, ist Kleinkram. Es ist nichts im Vergleich zu dem, was sie ertragen musste. Die Kriegsüberlebenden, sagt sie uns, erkennen erst den wahren Wert des Friedes.

 

 

 

Doch solange wir, die Jugendlichen der heutigen Zeit, nicht vergessen, was Frieden und Freiheit wirklich bedeutet, was Not und Leid, Hunger und Angst für grausame Zustände sind, ist nichts vergessen. Seien wir dankbar für die Obstbäume, den Kohl und die Blumen in unseren Gärten. Dafür, dass Sicherheit Normalität ist. Seien wir dankbar für eine Jugend ohne Schutt und ohne Asche.

 

 

 

-Nathalie, Alyssa, Ben, Sara, (Jenni, Yara)

 

 

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