Tag 2 - Jugendbegegnungsstätte Oświęcim

Der zweite Tag in Oświęcim, der zweite Tag unserer Reise. Heute gehts nach Auschwitz-Birkenau, wir erfahren etwas über das Schicksal und machen einen Polnisch-Sprachkurs.

©Linn Klockgether
©Linn Klockgether

Tag 2… Puhhh, die Zeit vergeht langsamer als man denkt. Vielleicht liegt das daran, dass wir uns selbst an diesem Ort in die Zeit zurückversetzt fühlen.

Dieser Ort, die Atmosphäre, die Erinnerungen. All dies regt zum Nachdenken an. Zum Hinterfragen seiner eigenen Identität, seines eigenen Selbst, seiner eigenen Gedanken und seines eigenen Empfindens.

Denken wir richtig? Empfinden wir richtig? Gedenken wir richtig?

Diese Fragen werden automatisch aufgeworfen, wenn man sich in Oświęcim, bzw. in Auschwitz, aufhält.

Und mit ihnen noch viele weitere.

Unser Tag heute begann wie auch gestern mit einem vielseitigem Frühstück. Nachdem wir gestern im Stammlager waren und in der anschließenden Reflexionsrunde hitzige Debatten geführt hatten, waren diesen Morgen wieder fast alle in ausgelassener Stimmung. Doch die Hälfte der Klasse krank. Rote Nasen und Wangen, hustende und niesende Gesichter, die einem beim morgendlichen Frühstück entgegenkommen. Heiserkeit, die bei fast allen in der Stimme zu vernehmen ist. Und doch freuen sich alle auf den angebrochenen Tag, und sogar die Sonne scheint zuerst schüchtern, später die Welt erhellend durch die langsam gelb, orange, rot und braun werdenden Blätter der Bäume vor unseren Fenstern. 

 

Nach dem Frühstück folgt als erstes ein Vortrag über die Jugendgedenkstätte Oświęcim und welche bedeutenden Persönlichkeiten vor allem aus der Zeit des Holocausts bei der Entstehung, Planung und Visualisierung geholfen haben. So viele bedeutende Menschen, die vor dem Holocaust meistens ein genauso normales und alltägliches Leben geführt haben wie wir heute, und durch den schrecklichen zweiten Weltkrieg und seine Untaten so viel Schrecken und Gewalt überlebt haben, wie wir uns kaum vorzustellen vermögen. 

Auf genau diesem Boden zu stehen, macht einige von uns Schülern doch ehrfürchtig.

Wie gedenkt man richtig? Diese Frage wird uns noch die gesamte Profilfahrt begleiten und beschäftigen.

Passend dazu haben wir einen Workshop zum Thema „menschliche Werte in einer unmenschlichen Welt“ gemacht. Die besondere Persönlichkeit, mit dessen Biografie wir dazu gearbeitet und uns auseinandergesetzt haben, heißt Zofia Posmysz und hat Auschwitz I, Auschwitz-Birkenau, einen Todesmarsch und ein weiteres Konzentrationslager weiter im Westen überlebt. Morgen werden wir dazu ein Zeitzeugengespräch mit ihr führen.  

Ihr Roman „Christus von Auschwitz“, den wir in dem Workshop gelesen haben, hat alle sehr berührt. Zu lesen, wo Frau Posmysz sich in Auschwitz-Birkenau aufgehalten hat und sich vielleicht etwas auf ihre Spuren zu begeben, lässt uns alle nach dem Mittagessen mit gemischten Gefühlen im Bus sitzen. Viele von uns fühlen sich vorbereitet auf das, was auf sie zukommt, da wir viel von den Eindrücken und Empfindungen der Führung durch Auschwitz I von gestern in das größte Konzentrations- und Vernichtungslager der Welt, Auschwitz-Birkenau, mitnehmen können.

Doch niemand kann ahnen, wie groß, vernichtend und schwer begreiflich das Lager wirkt, als wir direkt vor seinen Stacheldrahtzäunen, den Wachtürmen, den schäbig aussehenden Baracken und dem weltweit bekannten Eingangstor stehen. Sprachlos sind die meisten, und auch eingeschüchtert. Wie geht man mit sowas um? Wie verhält man sich? Wie gedenkt man richtig?

Unser erster Weg im Arbeitslager führt uns direkt in eine der letzten offenen Baracken, in dem die weiblichen Häftlinge des Lagers untergebracht waren. Niemandem kommen Wörter wie „Schlafplatz“, „Heimbaracke“ oder „Aufenthaltsort“ über die Lippen, denn aufhalten möchte man sich hier nicht. Der Anblick, der sich uns bietet, erinnert eher an einen Stall für Schweine oder Ähnliches, doch nicht an einen Ort für Menschen. Uns allen wird klar, wie unmenschlich die Nationalsozialisten vorgegangen sind, wie sie die Menschen, die dort untergebracht waren, gesehen haben; nämlich als Tiere. 

Hier und dort liegen vertrocknete Rosen und aus Papier gefaltete Friedensvögel. Gedenken an diejenigen, denen gedacht werden muss. Jedem kann man in den Augen ablesen, was ausgesprochen werden muss: So etwas darf nie wieder passieren!

Unser Weg führt uns weiter durch die Baracken, durch offene Tore zwischen den Stacheldrahtzäunen auf die Judenrampe mitten zwischen den Gleisen. Weiter geht es auf die andere Seite des Lagers, die das Vernichtungslager ist. Viele der Baracken aus Holz sind zerfallen, einige hat man erneut aufgebaut. Wie Skelette aus dem Schutt und der Asche recken sich die steinernen Schornsteine aus den Ruinen unter ihnen. Gespenstisch wirkt diese Leere, gespenstisch und doch schön die Sonne, wie sie durch die zerstörte Landschaft auf unsere Köpfe scheint. Unser Rundgang dauert fast vier Stunden und wir laufen an den damals von den Nazis gesprengten Krematorien und Gaskammern vorbei, durch den Wald, in dem die Juden bis zu ihrer Ermordung ahnungslos warten mussten, vorbei an einem Gebäude, welches „die Sauna“ genannt wird. Vor dem Denkmal stehen wir zuletzt, und legen Steine auf einen der Schriftzüge, der auf deutsch verfasst ist. Müssen wir Schuld für das empfinden, was die Deutschen zwei Generationen vor uns getan haben? Müssen wir uns schuldig fühlen, um richtig gedenken zu können?

Diese Reise lässt uns nicht nur etwas über die Geschichte, den Ort und seine Personen erfahren, sondern auch etwas über uns selbst; wie wir selbst empfinden. Wohin die Reise uns noch so führt und welche Orte wir in Polen sowie auch in uns selbst erforschen, bleibt bis jetzt noch offen. Wir werden es sehen.

Bis dahin, 

 

Eure Spukies

Das Eingangstor von Auschwitz-Birkenau, fotografiert von der ehemaligen Judenrampe aus
©Linn Klockgether

Polnisch für Anfänger

Deutsch Polnisch Aussprache
Ja Tak [tack]
Nein Nie [njä]
Vielleicht Może [moschä]
Danke. Dziękuję. [dschänkuijä]
Vielen Dank. Dziękuję bardzo. [dschänkuijä bardso]
Bitte! Proszę! [proschä]
Entschuldigung! Przepraszam! [pschäprascham]
Guten Morgen! / Guten Tag! Dzień dobry! [dschn dobre]
Guten Abend! Dobry wieczór! [dobre wjätschur]
Gute Nacht! Dobranoc! [dobranoz]
Hallo! / Tschüss! Cześć! [tschäschtsch]
Grüß dich! Witam! [wietam]
Auf Wiedersehen! Do widzenia! [do widsänja]
Bis morgen! Do jutra! [do jutra]


Fotos von Heute

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Kommentare: 1
  • #1

    Ben (Freitag, 14 Oktober 2016 18:12)

    schöne Bilder und interessanter Eintrag. Sehr poetisch verfasst, liest sich schön.