Freitag, 24.06.16: Oświęcim


Dieser Bericht setzt sich zusammen aus Gedanken unserer einzelnen Gruppenmitglieder – daher die Ich-Perspektive.

 

Am letzten richtigen Tag unserer Gedenkstättenfahrt, dem 24. 6., hatte ich schon beim Aufstehen ein erleichterndes Gefühl. „Jetzt konnte ich Abstand von den Erfahrungen im ehemaligen Konzentrationslager gewinnen.“

 

Nachdem wir gefrühstückt hatten, brachen wir nach Oświęcim auf. Als wir dort ankamen, gingen wir durch einen kleinen Park und erreichten schließlich die auf den ersten Blick unscheinbare Synagoge. „Ich war überrascht, dass man dem Haus von außen  gar nicht ansah, dass es eine Synagoge ist. Ich hatte etwas viel Prunkvolleres erwartet und nicht einfach nur ein Haus.“

 

Bevor wir in die restaurierte Synagoge gingen, mussten sich die Jungs eine Kippa aufsetzen und die Mädchen ihre Schultern bedecken. Dann konnten wir in die schlichte und schöne Synagoge gehen. „Mir gefiel es, dass so viel aus Holz war, dennoch fühle ich mich etwas unsicher, da ich nicht genau wusste, wie ich mich zu verhalten hatte.“ Die nette Museumsmitarbeiterin erzählte uns Einiges über das Judentum und die jüdische Vergangenheit der Stadt. „Ich finde es erschreckend, dass die Nationalsozialisten alle jüdischen Gotteshäuser zerstört haben. Die Synagoge, die wir besucht haben, existierte nur, weil sie zu einem Munitionslager der Nazis umfunktioniert worden war.“

 

Die in Gruppen aufgeteilte Klasse bekam mehrere Bilder mit der Aufgabe, die Geschichte hinter dem Bild zu entdecken. Auf dem Bild, das uns am meisten beeindruckte, waren zwei Mädchen zu sehen. Wir haben uns gedacht, dass das eine Mädchen eine Jüdin war und das andere eine Christin. Wir vermuteten, dass das jüdische Mädchen im Konzentrationslager der Nationalsozialisten umgebracht wurde. Doch das christliche Mädchen überlebte den Krieg und behielt das Foto von sich und ihrer Freundin. Und genau das war auch die wahre Geschichte des Fotos!

„Ich war überrascht, dass wir zwar das Richtige vermutet hatten, aber irgendwie hatte ich das Gefühl, dass meine Gedanken zu dem Bild stimmen und das taten sie dann ja auch!“

 

 Anschließend konnten wir uns das kleine Museum noch einmal in Ruhe angucken. „Die Dokumente waren beeindruckend und erschreckend zugleich. Viele waren aus der Nazizeit und zeigten die Verbrechen dieser an den Juden aus Oświęcim.

Die gruseligste Tat, die wir Deutschen je begangen haben und ich hoffe, das dies nie wieder vorkommen wird!“  

 

Nach dem zweiten Weltkrieg emigrierten die wenigen Menschen, die den Holocaust überlebten, ins Ausland. Bis 2000 lebte ein älterer Mann neben der Synagoge in einem kleinen Haus, das nach seinem Tod der Synagoge gestiftet wurde. Mit seinem Tod endete die jüdische Geschichte Oświęcims. Heute wird sein Haus als Café benutzt, in dem wir in der Pause etwas Erfrischendes kaufen konnten.

 

Im Anschluss machten wir uns auf den Weg zum jüdischen Friedhof. „Als wir durch das Tor traten, fühlte ich mich direkt wie in einer anderen Welt. Der Straßenlärm war verschwunden, dafür hörte man das Zwitschern der Vögel. Überall, wo man hinsah, war es grün, Büsche, Bäume, Blumen, ... Doch zwischen diesem ganzen Grün standen viele, sehr alte Grabsteine.“

 

Wir erfuhren, dass der Friedhof in der Nachkriegszeit restauriert worden war, die Grabsteine also nicht mehr an den richtigen Grabplätzen stehen. Unter diesem Friedhof, der heutzutage nicht mehr benutzt wird, liegt ein Bunker aus der Kriegszeit.

 

Nach dem Friedhofsbesuch gingen wir zu dem wunderschönen Marktplatz im Zentrum der Stadt. „Es ist entwürdigend, dass hier Juden lange Zeit keine Geschäfte haben durften.“

 

Schließlich kamen wir in eine Gasse, in der sich früher das zentrale jüdische Leben der Stadt abgespielt hat. Dort war eine Tafel, auf der wir sehen konnten, wie die Straße früher aussah. Auf der einen Seite stand eine Synagoge, von der heute nichts mehr übrig ist. Auf der andern Straßenseite sind Lücken zwischen den Häusern, wo früher andere Häuser gestanden haben. „Das fand ich sehr schockierend und mir wurde wieder bewusst, wie viel im zweiten Weltkrieg zerstört worden war.“

 

Als wir wieder im Zentrum für Dialog und Gebet waren, bekamen wir einen Arbeitsauftrag. Wir sollten ein Bild mit unseren Gedanken zu „diesem Ort“ gestalten.  Doch einige aus der Klasse kamen gar nicht dazu dieses Bild anzufertigen, denn es wurde ihnen erst dann richtig bewusst, was wir alles erlebt hatten. Wir setzten uns zusammen und fingen an, über das Thema zu sprechen. Dies tat uns gut, denn das hat uns das Gefühl gegeben, sich seinen Gefühlen stellen zu können und mit den Problemen nicht alleine zu sein.

 

 

„Ich habe plötzlich das Gefühl von Freiheit gespürt. Ich konnte alles raus lassen und musste mich auch vor meinen Gefühlen nicht mehr verstecken.“


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